Das Achterland von Usedom

Der Name des Usedomer Achterlandes leitet sich vom norddeutschen Begriff achtern ab, der so viel bedeutet wie hinten. Er kommt auch etwa bei Schiffen vor, wenn vom Achterdeck die Rede ist. Das Achterland von Usedom bezeichnet demnach die Gegend hinter der Küste. Es nimmt den flächenmäßig größten Teil der Insel ein und erstreckt sich hinter den drei Kaiserbädern Bansin, Heringsdorf und Ahlbeck. Der westliche Ausläufer reicht sehr dicht an die Festlandküste heran, während die nördlichste Landzunge, der Lieper Winkel, etwa auf der Höhe des Bernsteinbades Ückeritz endet.

Das Achterland liegt wie eine große Halbinsel im Osten der gesamten Insel Usedom, weist allerdings selbst auch eine sehr zerklüftete Struktur auf. Zahllose kleine und große Buchten, Landzungen und Halbinseln prägen das Bild und sorgen für einen besonders langen Küstenabschnitt. Im Landesinneren liegen mehrere Seen; insgesamt ist die Landschaft des Usedomer Achterlandes geprägt von dichten Wäldern, Wiesen, Heidegebieten und Feldern mit einer großen Vielfalt an Tieren und Pflanzen. Der Kontrast zu den turbulenten Kaiserbädern ganz in der Nähe ist deutlich spürbar. Wer hier seine Ferien verbringt, findet tatsächlich Ruhe und Entspannung. Und der größte Teil der angebotenen Aktivitäten ist demzufolge eher beschaulicher Art. Radtouren und Wanderungen stehen bei den Urlaubern im Achterland ganz oben auf der Liste.

Die Ortschaften des Usedomer Achterlandes


Dennoch gibt es in diesem Teil der Insel Usedom auch Kunstschätze zu sehen. Denn so klein die einzelnen Ortschaften auch sein mögen – bedeutende Kirchen, beeindruckende Schlösser und Herrenhäuser sowie attraktive Museen gibt es selbst in winzigen Dörfern des Achterlandes zu entdecken.

Usedom im Usedomer Achterland


Der Ort Usedom mit seinen etwa 1.700 Einwohnern, Namenspate für die ganze Insel, hat mittlerweile viel von seiner früheren Bedeutung verloren. Auf dem immer noch existierenden Schlossberg entstand im 10. Jahrhundert eine Burgsiedlung der Slawen, die aber zu Beginn des 12. Jahrhunderts zerstört und um 1160 wieder aufgebaut wurde. Der Schlossberg war 1128 Schauplatz der Christianisierung der wendischen Fürsten Westpommerns. Daran erinnert heute ein großes Kreuz.

Die Burganlage und ihre Umgebung müssen sehr reizvoll gewesen sein, denn die unterschiedlichsten Pommern-Herzöge wählten sie bevorzugt als ihre Residenz. Heute ist indessen nichts mehr von der ehemaligen Burg erhalten.

Dafür ist noch das Anklamer Tor zu besichtigen. Es ist von der ehemals stattlichen Befestigungsanlage Usedoms als einziger Rest geblieben. Das einstige Stadttor stammt aus dem Jahr 1450 und ist ein viergeschossiger Backsteinbau mit spitzem Dach. Als Durchgang befindet sich unten eine Öffnung mit Spitzbogen. Früher wurde das Anklamer Tor auch als Gefängnis benutzt, heute dagegen beherbergt es das Heimatmuseum mit anschaulichen Darstellungen des Lebens in der Stadt und auf der Insel Usedom. Ganz oben ist zudem ein Trauzimmer eingerichtet, während ein anderer Raum dem Maler und Fotografen Albert Köster als Atelier dient.

Eine technische Attraktion stellt das Fragment der Hubbrücke Karnin dar. Das gesamte Bauwerk entstand 1933, aber die deutsche Wehrmacht sprengte es bei ihrem Rückzug im Jahr 1945. Die Brücke über die Peene war ursprünglich für Eisenbahnen gedacht auf der Strecke von Stettin nach Berlin. Der anzuhebende Teil trotzte der Sprengung und steht seither teils als Mahnmal, teils als Erinnerung an große Ingenieurleistungen.

Der ehemalige Bahnhof von Usedom dient heute als Naturpark-Haus. Das sogenannte Klaus-Bahlsen-Haus gewährt spannende und höchst informative Einblicke in die vielfältige Natur der gesamten Insel.

Die Marienkirche im Städtchen Usedom findet ihre erste urkundliche Erwähnung im Jahr 1337. Es handelt sich um eine dreischiffige Hallenkirche aus Backsteinen, die aufgrund kriegerischer Zerstörungen und auch wegen Baufälligkeit immer wieder umgebaut und grundlegend saniert wurde. Außen fallen die Stufengiebel am Gebäude selbst und am Turm auf. Der größte Teil der Inneneinrichtung stammt aus der Zeit der jüngsten Renovierung Ende des 19. Jahrhunderts. Aber auch die prächtig geschnitzte Altarschranke aus der Mitte des 18. Jahrhunderts ist erhalten.

Östlich des Städtchens Usedom liegen nahe der Südküste des Achterlands die Orte Stolpe, Dargen. Garz und Kamminke. Ihnen gemein ist der Umstand, dass es sich um sehr beschauliche, aber auch äußerst attraktive Dörfer handelt. Die Sehenswürdigkeiten sind indessen ganz unterschiedlich.

Stolpe im Usedomer Achterland


Stolpe im Usedomer Achterland beeindruckt in erster Linie mit seinem Schloss. Dessen zweigeschossiger Kernbau stammt vom Ende des 16. Jahrhunderts und ist somit ganz der Hochrenaissance verschrieben. Nach den Zerstörungen durch den Dreißigjährigen Krieg errichtete man das Schloss wieder neu und baute es zugleich um – mit vielen Elementen des Barock. Das Walmdach, also die nach allen vier Seiten abgeschrägte Konstruktion, ist bis heute erhalten. Erst im frühen 20. Jahrhundert erhielt das Solper Schloss, das bis dahin eher das Aussehen eines Gutshauses gehabt hatte, sein heutiges Gesicht. Der damals sehr beliebte Historismus machte auch vor diesem Anwesen nicht Halt: Es entstanden die drei charakteristischen Türme und im Frontbereich ein Arkadengang, in den Rundbogenfenster eingelassen sind.

Inzwischen kümmern sich ein Förderverein und das Amt für Denkmalschutz um den baulichen Bestand des herrlichen Anwesens. Und drinnen finden viele kulturelle Veranstaltungen statt, die Besucher aus allen Teilen der Insel Usedom anlocken.

Dargen im Usedomer Achterland


Dargen im Usedomer Achterland sollten sich vor allem Freunde der Technik allgemein und speziell von motorisierten Fahrzeugen aller Art nicht entgehen lassen. Denn hier befindet sich das Technik- und Zweiradmuseum. Es zeigt sämtliche Mopeds und Motorräder aus der DDR und aus dem Ostblock, aber auch Traktoren, Busse, PKW und LKW sind zu sehen – alle gut erhalten und mit einer jeweils gültigen TÜV-Bescheinigung versehen.

Daneben bietet das Dargener Museum im Süden von Usedom einen ausgezeichneten Einblick in den DDR-Alltag. So ist auch das Museums-Café nicht so eingerichtet, wie wir aus heutiger Erfahrung vermuten, sondern das gesamte Interieur erstrahlt im etwas spröden Charme der damaligen DDR.

Neben allem rund um die Motoren des Ostblocks gibt es auch eine Schauanlage der früheren Eisenbahn-Hubbrücke bei Karnin.

Garz im Usedomer Achterland


In Garz auf Usedom verzaubert die kleine Kirche aus dem 13. Jahrhundert. Sie besteht zum großen Teil aus Feldsteinen, was ihr ein etwas rustikales Aussehen verleiht. Allerdings sind große Flächen auch aus Backsteinen gemauert. Die typisch spitzbogigen Fenster der Gotik vergrößerte man bei Renovierungsarbeiten Ende des 19. Jahrhunderts und fasste sie mit Rundbögen ein.

Die meisten Stücke der Inneneinrichtung stammen aus späteren Epochen. Aber sie passen ausgezeichnet zum Gesamtbild des hübschen Gotteshauses. Auffallend ist der frei stehende Glockenstuhl, der 1854 zugefügt wurde.

Kamminke im Usedomer Achterland


Mit ganz anderen Sehenswürdigkeiten beeindruckt Kamminke ganz im Osten des Usedomer Achterlandes. Das Dorf hat sich nach wie vor den Charme eines beschaulichen Fischerortes bewahrt. Am Hafen kann man häufig verschiedenes Arbeitsgerät wie etwa aufgespannte Reusen sehen. Die meisten Häuser sind noch mit Reet gedeckt; das Innere zumindest der Unterkünfte für die Feriengäste ist aber deren gestiegenen Ansprüchen angepasst.

Es ist auch die nähere Umgebung von Kamminke, die sich sehr interessant präsentiert. Denn in unmittelbarer Nähe befindet sich der Golm, mit einer Höhe von 69 Metern die höchste Erhebung auf Usedom. Er entstand nach der letzten Eiszeit. Von diesen Hügeln aus hat man einen herrlichen Blick auf das nahe gelegene Stettiner Haff, das bereits zu Polen gehört.

Besonders im 19. Jahrhundert war der Golm ein beliebtes Naherholungsgebiet der Bewohner von Swinemünde. Denn der Golm selbst und seine nächste Umgebung sind mit dichtem Buchenwald bestanden. Hier leben sehr seltene Vogelarten wie etwa Seeadler, Wiedehopf, verschiedene Käuze und der Wespenbussard.

Heute besuchen hauptsächlich Menschen das Gebiet, um der über 20.000 Toten gedenken, die bei einem Bombenangriff auf das beliebte Seebad im Zweiten Weltkrieg umgekommen sind. Sie sind fast ausnahmslos anonym auf einer großen Kriegsgräberstätte beerdigt, die zu den größten Deutschlands zählt. Folgerichtig gibt es auf dem Golm auch Mahnmale und Orte zum stillen Gedenken.

Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist der Golm aber auch aus Sicht der Menschheitsgeschichte interessant. Denn um 1860 entdeckten Förster eher zufällig eine Steinaxt und eine Tasse – beide aus der Bronzezeit. Erste Hinweise auf einen Burgwall aus derselben Epoche verdichteten sich 1892. Inzwischen sind tatsächlich Fragmente freigelegt und künden von einer längst vergangenen Epoche.

Pudagla im Usedomer Achterland


Im Nordwesten des Usedomer Achterlandes und nur wenige Kilometer südlich des Bernsteinbades Ückeritz liegt Pudagla. Das Forsthaus Neu Pudagla und die angrenzenden Waldgebiete auf Usedom gehörten ursprünglich zum gleichnamigen Kloster. Inzwischen ist das Forsthaus ein Treffpunkt für Naturliebhaber, die nicht nur die herrliche Umgebung genießen, sondern auch spannend vermittelte Informationen zur Geschichte des Waldes bekommen und ganz besondere Raritäten besichtigen möchten. Und davon hat das Forsthaus Neu Pudagla viel zu bieten.

Denn in der ehemaligen Scheune befindet sich das Waldkabinett. Es beherbergt eine umfangreiche Pilz- und Fossiliensammlung, zudem präsentiert es von tatsächlich jeder auf der Insel Usedom wachsenden Baumart Blätter, Blüten und Früchte – spannend sogar für Botaniker. Ein Waldlehrpfad führt die Besucher überdies durch die Natur.

Das Waldkabinett beeindruckt aber auch wegen spannender Tiere: Eine ungeheure Zahl von verschiedenen Fledermausarten lebt hier; und ein Insektenhaus ist ebenfalls vorhanden.

In Neu Pudagla gibt es noch den sogenannten Gesteinsgarten. Hier liegen insgesamt 140 Findlinge unterschiedlicher Herkunft – viele davon stammen aus Skandinavien und gelangten während der Eiszeit nach Usedom. Der größte bringt ein Gewicht von immerhin sieben Tonnen auf die Waage, aber auch die kleineren sind schon allein aufgrund ihres unvorstellbaren Alters äußerst interessant.

Und für Aktive gibt es in Neu Pudagla einen großen Klettergarten mit 50 verschiedenen Elementen für Groß und Klein.

Für Freunde früherer Lebensart ist in Pudagla ist die alte Bockwindmühle interessant. Sie ist bereits auf einer schwedischen Seekarte aus dem Jahr 1693 eingezeichnet und findet ihre erste einheimische Erwähnung 1752. Es handelt sich um ein bestens restauriertes Exemplar, das sogar an manchen Tagen seinen Betrieb aufnimmt – spannend für Jung und Alt. Auch ein Steinofen ist inzwischen installiert.

Wer auf Usedom lediglich einheimische Tiere vernutet, sollte sich von der Straußenfarm in Pudagla bekehren lassen. Dort gibt es auch eine Führung, die interessante Einblicke in das Leben der australischen Laufvögel garantiert.

Und schließlich sollte man auch dem Schloss von Pudagla einen Besuch abstatten. Es handelt sich um ein ganz schlichtes, zweigeschossiges Gebäude, vom Pommernherzog Ernst Ludwig im Jahr 1574 für seine Mutter als Witwensitz errichtet. Das Hauptportal ist ganz dem Stil der Bauzeit, also der Renaissance, verhaftet. Heute dient das Gebäude als Restaurant.

Mellenthin im Usedomer Achterland


Ganz anders, nämlich viel prächtiger und ausgefallener, mutet das Schloss in Mellenthin fast im Herzen des Usedomer Achterlandes an. Es handelt sich um ein Wasserschloss, dem einzigen auf Usedom übrigens.

Seit dem 14. Jahrhundert residierte die Familie von Neuenkirchen auf ihrem Stammgut Mellenthin. Das Schloss, eigentlich als Herrenhaus konzipiert, entstand in den Jahren 1575 bis 1580 und ist somit der Renaissance verhaftet. Das Gebäude verfügt über zwei Geschosse und besteht aus verputzten Backsteinen und einem Walmdach, das also auf allen vier Seiten abgeschrägt ist. Es ist in vielen Bereichen mit Risaliten versehen, mit vorgezogenen Elementen, mit denen die Fassade gekonnt aufgelockert ist. Der Eingang ist ein wenig nach rechts versetzt und hat einen rundbogigen Vorbau.

In der Halle im Erdgeschoss fällt der schöne Renaissancekamin aus dem Jahr 1613 auf; er befand sich früher im Obergeschoss. Aus dem 17. Jahrhundert stammen die beiden Seitenflügel, in denen einst der Marstall, die Kapelle und ein riesiger Festsaal untergebracht waren.

In der Mellenthiner Heide, nämlich in Prätenow, gibt es ein Wisentgehege zu bewundern. Die riesigen und sehr seltenen Tiere leben in einen sechs Hektar großen Gehege.